Mascha Kaleko war eine beeindruckende Frau und ist eine beeindruckende Lyrikerin. Ihre Gedichte sind lakonisch und doch gefühlvoll. Sie dichtet genauso treffend und zeitlos über die Liebe wie über die Polizei. Im Gedichtband "In meinen Träumen läutet es Sturm" sind sämtliche unveröffentlichte Gedichte aus Mascha Kalekos Nachlass versammelt. Sie geben Einblick in Ihr Leben mit der Lyrik: Die frühen Jahre, das Exil, die letzte Zeit ihres Lebens.
Zum Abschluss bietet der Band noch einen sehr lesenswerten biographischen Text.
Gedichte sind nichts hochtrabendes unverständliches, abgehobenes.
Sie verdichten den Inhalt, schärfen ihn durch ihre Form - wenn man sich nur darauf einlässt sie zu lesen, sprechen sie oftmals direkter als ein langer Roman. Das gilt besonders für die Gedichte von Mascha Kaleko.
Unbedingt lesen! Fünf Pfoten...
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Samstag, 26. Mai 2012
Donnerstag, 17. Mai 2012
Der Roman von Jennifer Egan - Wie ein gutes Mixtape
Der Roman 'A visit from the goon squad' von Jennifer Egan hat den Pulitzer Preis 2011 gewonnen, und wurde gerade ins deutsche übersetzt: "Der größere Teil der Welt" ist im Schöffling Verlag erschienen. Die Hauptfiguren des Romans, der in verschiedenen Episoden aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird, haben irgendwie mit dem Musikbusiness zu tun. Da ist Bennie Salazar, der Musikproduzent, sein Mentor Lou, seine Assistentin Sasha...
Die Figuren erleben Höhen und Tiefen, erleben die Zeit des Rock n Roll bis hin zu facebook und einer Zukunft, in der nahezu jedes Baby mit einem
Handy aufwächst und schon mit wenigen Monaten die ersten Musiktitel kaufen kann.
Der Roman sprüht vor Ideen, die Figuren sind plausibel und ihre Geschichten berühren. Noch dazu überzeugt Jennifer Egan mit den sehr unterschiedlichen Perspektiven. Wir erleben, wie ein Diktator eine Imagekampagne durchläuft, wie ein junges Ehepaar am spießigen Vorort scheitert, und wie ein heruntergekommener Musiker zum Star der Zukunft wird, weil er authentisch ist, weil er abseits der Gesellschaft gestanden hat und dennoch, auch durch seine Ausstrahlung und sein Können, plötzlich der Menge aus dem Herzen spricht. Wir erleben auch, wie dieser Erfolg vorher durch bezahlte Blogger ermöglicht wird...
Warum das Buch mich dennoch nicht restlos überzeugen konnte - es stellt viele Facetten dar und kann dadurch den Figuren nicht so viel Zeit und Tiefe widmen. Manchmal wird zu schnell vorgespult, oder es folgt schon der nächste Titel. Die Einsichten und den beeindruckenden Stil Jennifer Egans sollte man dennoch nicht verpassen.
Also vier von fünf Pfoten und eine Leseempfehlung!
Samstag, 28. April 2012
Welttag des Buches
Was für ein Glück, so viel leseglück zu schenken und damit beschenkt zu werden! Die Gedichte von Mascha Kaleko sind ein Schatz. Ich freue mich über Kommentare von Neu-Entdeckern! Und ich freue mich darüber Wunschloses Unglück von Peter Handke wiederentdecken zu können...
Sonntag, 20. November 2011
Der Glatzkopfgeier frisst den Morgen
Ein Mann treibt durch das Leben. Sein Fixpunkt: die geliebte Freundin aus Kindertagen. Doch die Kraft sich ihr zu nähern bringt er nicht auf. Er kreist um sich, sucht sich in seinen Handlungen zu erhalten und zu verstehen.
Zwei Beziehungen führt der Mann mit Frauen, die er zwar liebt, aber nicht auf Augenhöhe, in geistiger Verwandschaft oder tiefem Begehren. Die erste stürzt er ins Unglück, mit der zweiten führt er eine glückliche Ehe. Bis die Geliebte aus Kindertagen wieder auftaucht und alles in Frage stellt.
Ein spannendes,poetisches,erotisches, mitunter philosophisches Buch. Vieles bleibt ungeklärt und offen - es geht nicht um Erklärung sondern um das Ungeklärte: Wie fügt sich unser Leben? Warum handeln, entscheiden wir so oder so? Wie zusammen leben? Wie für den anderen da sein?
Ein wenig ist die Geliebte Shimamoto eine Parabel für diese 100%ige kompromisslose Liebe, die im realen Leben nicht erreichbar scheint. Zu Zeiten scheinbar endloser Wahlmöglichkeiten zweifelt Hajime immer wieder an den Gefährten seines Lebens und sich selbst. Hat er sich deshalb eine Shimamoto erträumt? Oder ist es die Unmöglichkeit und der ungelebte Alltag der die Beziehung zu Shimamoto so perfekt macht?
Freitag, 11. November 2011
Und Nietzsche weinte
Und Nietzsche weinte von Irvin D Yalom
Nietzsche und Freud. Vermutlich hat jeder, der sich mit ihren Werken befasste sich manches Mal gefragt, ob die Wege dieser beiden beeindruckenden Zeitgenossen sich jemals kreuzten, ob sich ihre in mancherlei Hinsicht verwandten Gedanken je gegenseitig befruchteten. Über Nietzsches Leben ist sehr viel bekannt, sein Leben wird beispielsweise detailliert in der Nietzsche-Chronik nachgezeichnet, seine Briefe, seine gesammelten Werke stehen zur Verfügung. Gerade Nietzsches Verhältnis zu den Frauen ist einerseits ein leerer Fleck in diesem Wissen, andererseits gibt es allerhand 'Belege' die die Absonderlichkeit dieses Verhältnisses betonen: der bestmögliche Nährboden für Klatsch. Einen Kontakt zwischen Nietzsche und Freud gab es vermutlich nicht.
Dieses Buch bietet nun einerseits eine reizvolle literarische Auspinselung des Verhältnisses Nietzsches zur Psychoanalyse. Andererseits bringt es ein wenig platt die altbekannten Geschichten von Nietzsches angeblichem Frauen-Trauma und den Resultaten in Leben und Werk. Während die Zusammenführung einiger Schriften Nietzsches mit der frühen Psychoanalyse sehr unterhaltsam ist, wirkt die Hinführung zur Therapie des Denkers streckenweise sehr gestelzt. Man spürt förmlich, wie ein Blick aus dem 21. Jahrhundert das 19. ausmalt und einige seiner beeindruckensten Protagonisten in einer Weise zusammenführt die sie wohl dazu brächte, sich im Grabe umzudrehen.
Manchmal scheint es mir, dass das bekannte Photo Nietzsches im Profil einen übergroßen Einfluss hat. Der Nietzsche den Irvin D. Yalom zeichnet ist nun wirklich der hinreißende Fall eines bockigen,distanzierten aber genialen Patienten, dem sich der Therapeut dann nähert, seine Distanz aufbrechen kann und dann endlich weint er! Herzzereißend und schmalzig. Und ganz kann ich mich auch nicht des Eindrucks einer gewissen Unredlichkeit erwähren: Ist es nicht nurmehr bloßes name-dropping das Personal dieses Romans nach bekannten historischen Vorbildern zu benennen? Wäre der Roman 'Und Hans-Otto weinte' ebenso gut verkauft worden?
Zugute halte ich dem Buch aber neben einer sich deutlich steigernden Spannung und Sympathie für seine Figuren, dass es Lust auf eine eigene Begegnung mit Nietzsche (und auch Lou Salomé)macht. Außerdem zeigt es auch Defizite der Psychoanalyse, so zum Beispiel das Machtverhältniss zwischen Arzt und Patienten, oder der Verherrlichung die aus der Hoffnung entspringt, gerade dieser Mensch möge helfen können. Dem Autor gelingt es auch, Nietzsches Argumente glaubhaft in seiner Geschichte einzuweben ohne ihnen ihre kritische Kraft zu nehmen und sie zu einem bloßen Brevier zum Wohlbefinden zu verstümmeln. Die philosophische Lebensberatung wird als eine fruchtbare Abwandlung der psychoanalytischen Vorgehensweise beschrieben. Auch die Geschichte der Ehekrise des Arztes sowie die Bearbeitung seiner Obsession fand ich gegen Ende beeindruckend und plausibel. Dennoch schätze ich Bücher mehr, die eigene Erfahrung unumwunden zum Stoff machen und gerade wenn man literarische Größen wie Nietzsche zur Figur bemüht setzt man hohe Maßstäbe für das eigene Schreiben.
Dienstag, 1. November 2011
Der gute Mensch von Sezuan
Bertold Brecht: Der gute Mensch von Sezuan
Die Götter betrachten das Treiben und Leiden der Menschheit schon einige Zeit mit Sorge. Selbstzweifel über ihre Schöpfung treiben sie schließlich dazu, sich selbst auf die Erde zu begeben, um nach einem Menschen zu suchen, der nach Ihren Geboten leben und damit ein guter Mensch sein kann. Die Götter sind schon weit gereist, sie sind müde, traurig und erschöpft als sie endlich in der kleinen Stadt Sezuan ankommen. Niemand hat ihnen bisher Unterkunft gewährt, niemand sich als wirklich guter Mensch erwiesen. Sezuan, beschließen sie ist der letzte Ort in dem sie suchen wollen bevor sie sich das Scheitern ihrer Schöpfung eingestehen. Über den Wasserverkäufer der Stadt gelangen sie zu der Prostituierten Shen-Te. Diese gewährt Ihnen sofort ohne Ansehen ihres eigenen Vorteils Unterschlupf. Da sie in dieser Nacht nicht arbeiten kann, wird sie ihre Miete nicht mehr bezahlen Können. Die Götter erfahren von der mißlichen Lage, und beschließen ihrem 'guten Menschen' ein wahrhaft moralisches Leben durch eine kleine Geldsumme zu ermöglichen. Shen Te eröffnet einen kleinen Tabackladen. Sie ist jedoch so hilfsbereit und gutmütig, daß sie in den Abgrund zurückgerissen zu werden droht.
"Der Rettung kleiner Nachen
Wird sofort in die Tiefe gezogen:
Zu viele Versinkende
Greifen gierig nach ihm."
In ihrern Not verwandelt sich Shen Te in ihren Vetter Shui Ta. Als Shui Ta gelingt es ihr die eigene Existenz zu retten und ihre Wohltätigkeit als Shen Te aufzufangen. Als Shen Te sich jedoch verliebt und von einem egoistischen arbeitslosen Flieger geschwängert wird muß sie sich mehr und mehr in Shui Ta verwandeln. Der Vetter eröffnet eine Tabak-Fabrik und wird zum menschenverachtenden Ausbeuter. Der ehemalige Liebhaber Shen Tes wirft Shui ta nun vor diese ermordet zu haben und bringt ihn vor Gericht. Shen Te offenbart sich und die Götter kommen zu ihr hinab
"Euer einstiger Befehl
Gut zu sein und doch zu leben
Zerriß mich wie ein Blitz in zwei Hälften. Ich
Weiß nicht, wie es kam: gut sein zu andern
Und zu mir konnte ich nicht zugleich
Andern und mir zu helfen, war mir zu schwer."
Brecht versteht es meisterhaft humorvoll und überspitzt darzustellen, was Adorno folgendermaßen formulierte:
"Alle Einzelnen sind in der vergesellschafteten Gesellschaft des Moralischen unfähig, das gesellschaftlich gefordert ist,wirklich jedoch nur in einer befreiten Gesellschaft wäre.(... )Dem Einzelnen indessen bleibt an moralischem nicht mehr übrig, als [zu] versuchen, so zu leben, daß man glauben darf, ein gutes Tier gewesen zu sein."
Das nach meinem Geschmack unterhaltsamste und treffendste Stück Brechts! Lesen lohnt sich! Fünf Pfoten!
Dienstag, 25. Oktober 2011
Ein Abgrund, in dem die Gesellschaft umkommen kann
In seinem 1942 veröffentlichten Roman Der Fremde beschreibt Albert Camus aus der Ich-Perspektive seiner Hauptfigur Mersault wie dieser gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft in Widersprüche gerät, die letztlich dazu führen, daß er zum Tode verurteilt wird. Im Vorwort zur amerikanischen Ausgabe schrieb Camus bezüglich der Aussage des Fremden: "In unserer Gesellschaft setzt sich jeder Mensch, der bei der Beerdigung seiner Mutter nicht weint, der Gefahr aus, zum Tode verurteilt zu werden". Mersault, ein lediger Büroangestellter bekommt eines Tages ein Telegramm aus dem Altenheim, welches ihn über den Tod seiner Mutter informiert. Er nimmt sich zwei Tage Urlaub um zur Totenwache und anschließenden Beerdigung zu fahren. Es ist heiß, er ist übermüdet und er verhält sich nicht den Konventionen entsprechend, womit er ständig Anstoß erregt, (er weint nicht, möchte die Tote nicht noch einmal sehen, raucht bei der Totenwache, weiß nicht wie alt sie war). Mersault möchte mit den anderen im Einklang sein, ihre Sympathie gewinnen, aber er beherrscht die dazu notwendigen Gesten und Rituale nicht und wird außerdem stark durch seine körperlichen Bedürfnisse beansprucht. Am Tag nach der Beerdigung geht er schwimmen und beginnt ein Verhältnis mit einer jungen Frau, Marie Cardona. Sie ist kurzzeitig verstört, als sie erfährt, daß er am vorangegangenen Tag seine Mutter beerdigt hat, und Mersault stellt fest, daß man "sowieso immer ein bißchen schuldig" ist. Er hat den Eindruck, daß sich durch den Tod seiner Mutter "nichts geändert hätte" und setzt sein Leben den üblichen Gewohnheiten gemäß fort. Nach einem gewöhnlichen Arbeitstag trifft Mersault seinen Flurnachbarn Raymond Sintes, einen hitzigen jungen Mann, der im Viertel als Zuhälter verrufen ist. Dieser lädt ihn zum Essen ein und bittet ihn, einen Brief an seine ehemalige Geliebte aufzusetzen, um sie zu ihm zu locken. Er möchte sich an ihr rächen, weil sie ihn betrogen habe, er sie aber immer noch begehrt. Mersault erlebt Raymond als ihm gegenüber freundlich und sieht keinen Grund die Bitte abzuschlagen. Über das Vorhaben des anderen urteilt er rein formal: er kann den Wunsch nach Rache nachvollziehen und hält die Methode für erfolgsversprechend. Raymond sieht ihn daraufhin als seinen Freund. Schon am nächsten Tag gelingt das Rachevorhaben: Raymond verprügelt die Frau. Bald darauf lädt Raymond Mersault und Marie zu einem Tag im Strandhaus seines Freundes ein. Zunächst verläuft dieser Tag sehr positiv. Mersault genießt die Sonne und das Schwimmen mit Marie bei dem er große Nähe zu ihr empfindet. Am Nachmittag treffen er und die beiden anderen Männer jedoch bei einem Strandspaziergang auf eine Gruppe von Arabern, die das von Raymond verprügelte Mädchen rächen wollen. Einer von ihnen verletzt Raymond mit einem Messer, worauf beide Seiten sich zurückziehen. Um zu verhindern, daß Raymond auf die Araber schießt, nimmt Mersault seinen Revolver an sich. Da ihm die Atmosphäre im Strandhaus jedoch unerträglich erscheint, bleibt er alleine am Strand und kehrt im Taumel der unerträglichen Hitze zum Ort der Auseinandersetzung zurück. Nur einer der Araber ist noch da, der, als er Mersault sieht, ihm zur Warnung sein Messer zeigt. Mersault fühlt jedoch "nur noch die Beckenschläge der Sonne auf [seiner] ... Stirn", sieht undeutlich das bedrohliche Messer und umklammert den Revolver, worauf der Abzug nachgibt und ein tödlicher Schuß fällt. Er feuert noch vier weitere Schüsse auf den Toten ab. Mersault wird verhaftet, und ein Untersuchungsverfahren wird eingeleitet. Das Mersault bei der Beerdigung seiner Mutter " Gefühllosigkeit an den Tag gelegt hätte" stellt sich schon zu Beginn als das entscheidende Kriterium zur Bewertung seines Falles heraus. Der Pflichtverteidiger möchte ihn daher zur Unehrlichkeit überreden, doch Mersault spielt das Spiel nicht mit: er weigert sich zu lügen. "er weigert sich, seine Gefühle zu verhehlen, und sogleich fühlt die Gesellschaft sich bedroht." Der Untersuchungsrichter, ein überzeugter Christ, möchte Mersault zur Reue bewegen, damit Gott ihm vergeben kann, doch Mersault glaubt nicht an Gott und empfindet "eher als wirkliche Reue einen gewissen Verdruß". In der Hauptverhandlung hat Mersault den Eindruck, daß alle sich unterhalten "wie in einem Club" und er der einzig überflüssige, ein Eindringling ist. Er spürt, wie stark er von den anderen verabscheut wird und versteht in diesem Moment, daß er in ihren Augen schuldig ist. In seiner Abschlußrede fordert der Staatsanwalt Mersaults Tod, da "die Leere des Herzens, wie sie bei diesem Mann zu beobachten ist, ein Abgrund wird, in dem die Gesellschaft umkommen kann."
Mersault lebt von Anfang an nach Camus Moral der Quantität, ohne daß eine Krise des Überdrusses oder ein Erwachen des absurden Bewußtseins thematisch würde. Für ihn zählt einzig das Gegenwärtige, welches er ohne Hoffnung oder Bedauern auslebt. Er scheitert in einer Gesellschaft, die ihn kraft ihrer heuchlerischen christlichen Moral verurteilt. Ausschlaggebend ist dabei nicht der Mord an einem Araber, sondern das unangepaßte, dem gesellschaftlichen Konsens widersprechende Selbstverständnis von Mersault. Die Gesellschaft sieht sich durch die Demontage ihres moralischen Horizontes gefährdet und fordert seinen Tod. Camus schreibt dazu in seinen Tagebüchern: "Sie haben deshalb beschlossen, Tugend zu nennen, was der Einrichtung der von ihnen gewünschten Gesellschaftsordnung dient. ... [Meine Abrechnung] mit dieser Auffassung ... bildet das Thema des Fremden."
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